Wie nachhaltig ist Bio-Plastik?

grüner Bioplastiklöffel im Kompost

Allgemein

„Die Ursprünge von  Bio-Kunststoff gehen weit zurück: schon ab dem 17. Jahrhundert begannen Naturforscher damit, Biopolymere (z.B. Kautschuk, Leinöl oder Zellulose) chemisch zu modifizieren, um neuartige Eigenschaften zu erreichen. Die dabei entwickelten ersten Kunststoffe wie Gummi, Linoleum oder Celluloid, werden auch als halb-synthetische Kunststoffe bezeichnet und gehören aufgrund ihrer biogenen Rohstoffbasis zu den ersten Biokunststoffen“ (vgl. https://www.carmen-ev.de/stoffliche-nutzung/biokunststoffe/herstellung/2245-herstellungsverfahren, 13.04.2019)

Das heutige BIO-Plastik  wird aus nachwachsenden Rohstoffen angefertigt, daher auch „bio-basierender“ Plastik genannt.  Aber nur ca. 30 % des „bio-basierenden“ Plastiks ist  auch gleichzeitig kompostierbar (die Kompostierbarkeit hängt von der chemischen Struktur des Bio-Plastik ab). Die Kompostierbarkeit ist übrigens nicht nur auf Bioplastik begrenzt, sondern es gibt auch kompostierbares konventionelles Plastik aus fossilen Rohstoffen (Erdöl). 

 Es gibt verschiedene Ausgangsstoffe  für die Herstellung für Bio-Plastik:

Lebensmittelbasierend: aus Pflanzenölen, wie Soja, Palm, Sonnenblumen, Rizinus, Rapsöl,
aus Stärke, wieMais, Weizen, Kartoffeln, Tapioka, etc., aus Glukose, wieZuckerrohr, Rüben, etc.

Nicht Lebensmittelbasierend: z.B. ausHolz, Nebenprodukte oder Abfälle aus der Land oder Holzwirtschaft, Stroh, organische Abfälle, Abwasser 

Nicht lebensmittelbasiert, bodenunabhängige Kulturen: aus Mikroorganismen, wie z.B.  Mikroalgen, Bakterien, Pilze“
(vgl. http://natureplast.eu/de/definition-von-biokunststoffen/herkunft-von-biokunststoffen/, 13.04.2019)

Zurzeit wird viel bezüglich Bio-Kunststoff vermehrt experimentiert und geforscht und nach neuen Möglichkeiten Ausschau gehalten. So experimentiert man z.B. mit „Flüssig-Holz“, Disteln und Algen.

Das meiste Bio-Plastik wird aus Stärke (wie z.B. Mais, Kartoffeln) hergestellt, wie z.B. Tüten. Die nachwachsenden Rohstoffe für Bio-Plastik stammen i.d.R. aus konventionellem und nicht ökologischem Anbau. Gesetzliche Vorgaben und die verschiedenen Ansprüche und Einsatzzwecke des Bio-Plastiks (wie z.B. schwere Entflammbarkeit, Haltbarkeit, Reißfestigkeit, Wasserbeständigkeit etc.) führen dazu, dass die Hersteller aber auch chemische Zusatzstoffe (wie Weichmacher, Farbstoffe, sonstige Additive) einsetzen. Auch wird teilweise sogar in geringen Mengen konventioneller Plastik beigemischt, um z.B. mehr Wasserbeständigkeit zu erreichen (dies hat mir auf Nachfrage  ein bekannter ökologischer Teeversand sogar eingestanden). Da diese Zusatzstoffe nicht deklariert sind (und vom Gesetzgeber noch nicht vorgeschrieben ist), kann man dies auch nicht erkennen. 

Der weltweite Anteil des Bio-Kunststoff ist in Bezug auf den herkömmlichen (fossilen) Kunststoff noch sehr gering, und liegt zurzeit noch unter 1 %. Da der Rohstoff Erdöl aber zur Neige geht, wird die Produktion von Bio-Kunststoff in den nächsten Jahren noch stark zunehmen. Nicht nur die Lebensmittelbranche, sondern z.B. auch die Auto-, Kleidungs- und Spielzeughersteller verwenden zunehmend Bio-Kunststoff. Es wird in dieser Hinsicht viel geforscht und nach neuen Möglichkeiten Ausschau gehalten. 

grüner Bioplastiklöffel im Kompost
Foto: JK

Argumente für Bio-Plastik

– die nachwachsenden Rohstoffe für Bio-Plastik sind eine Möglichkeit, die knapper werdenden fossilen Rohstoffe  Erdöl, Erdgas und Kohle zu ersetzen 

– nur für sich gesehen – ohne Anbau und Herstellung – setzt Bio Plastik z.B. bei der Verbrennung weniger CO2 frei. Der hohe Brennwert von (Bio)-Kunststoffen macht ihn zu einem idealen Ersatzbrennstoff für Kohle und Heizöl. Somit lässt sich aus Biokunststoffen erneuerbare Energie gewinnen und es wird im Gegensatz zur Verbrennung von fossilen Kunststoffen kein zusätzliches, klimaschädliches Kohlendioxid produziert

Argumente gegen Bio-Plastik

Kompostierung: Oft wird zu Unrecht mit der 100% Kompostierbarkeit von Bio-Plastik geworben, womit eine Art „Greenwashing“ betrieben wird. In der Praxis sieht es aber oft ganz anders aus. Gemäß der europäischen Richtlinie/ Norm „DIN EN 13432“ muss ein kompostierbares Material – also auch Bio-Plastik –  innerhalb von 6 Monaten zu 90% abgebaut sein, ohne umweltschädliche Reststoffe zu hinterlassen. (nähere Info siehe: https://biobagworld.com/de/umwelt/biologisch-abbaubar-und-kompostierbar/  , 13.04.2019) n den meisten heutigen kommunalen Kompostieranlagen sind Bio-Plastik aber  „Störstoffe“, denn das Kompostieren ist wesentlich kürzer, nur ca. 4-6 Wochen, zu kurz für kompostierbaren Bio-Plastik. Daher ist in den meisten Kommunen auch die Entsorgung von Bio-Plastik in der Bio-Tonne untersagt (Anmerkung: dies gilt auch für den Kreis Pinneberg). Will man sein Bio-Plastik im privaten Garten kompostieren, sind aber oft die entsprechenden Bedingungen (Feuchtigkeit, Wärme) nicht erfüllt und die Zersetzung ist nur mangelhaft.
(Zitat) „Die Kompostierung hat ein großes Ziel, nämlich den Aufbau von Bodensubstraten“, verdeutlicht Thomas Fischer als DUH-Experte für Kreislaufwirtschaft. Biokunststoffe sind als Kompostgeber etwa für die Landwirtschaft vollkommen nutzlos. Sie enthalten keinerlei Werte, die dem Kompost dienen.“  (vgl. https://edison.handelsblatt.com/erklaeren/bioplastik-umweltschonend-oder-greenwashing/23202332.html, 13.04.2019)

– Recycling: für Biokunststoff gibt es keine gesetzliche Rücknahme- und Verwertungspflicht. Es werden von den Herstellern auch keine „Gebühren für das Duale System“ entrichtet. Darum dürfen Erzeugnisse aus Biokunststoff eigentlich  nicht in die gelbe Tonne/ gelben Sack. Weil man aber nicht immer unterscheiden kann, was nun Bio-Plastik und konventioneller Plastik ist,  landet Bio-Plastik trotzdem im gelben Sack, und dann letztendlich in der Verbrennungsanlage.
Gelangt Bio-Plastik in die Umwelt, wie z.B. ins Meer, wird es – ähnlich wie konventionelles Plastik – sich nur langsam abbauen und sich kleinteilig zersetzen.  

– Anbau/ Herstellung: Um nachwachsende Rohstoffe für Bioplastik, wie z.B. Mais, Kartoffeln oder Zuckerrohr anzubauen, braucht man auch Erdöl, (z.B. als Treibstoff für die Traktoren und Lastwagen für den Transport). Für den Anbau werden i.d.R. auch Dünger und Pestizide auf die Felder ausgebracht – mit den üblichen Nebenwirkungen, wie etwa zu viel Nitrat im Grundwasser. Nicht selten werden auch gentechnisch veränderte Organismen eingesetzt. In der Herstellung werden auch viel Wasser und  chemische Zusatzstoffe verwendet. Sollte die Produktion von nachwachsenden Rohstoffen sich in Zukunft erhöhen, kann dies auch negative Folgen für die schon eher knappen Flächen für den Lebensmittel-Anbau haben. Lebensmittelanbau sollte aber Vorrang vor Bio-Plastik haben.
(Zitat)  „Die Erzeugung großer Mengen Bioplastik verändert die Landnutzung“, erklärt Dr. Neus Escobar vom Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik der Universität Bonn. „Global gesehen könnten dadurch zum Beispiel vermehrt Waldflächen zu Ackerland umgewandelt werden. Wälder binden aber erheblich mehr Kohlendioxid als etwa Mais oder Zuckerrohr, schon allein aufgrund ihrer größeren Biomasse.“ Dass dieser Effekt keine theoretische Spekulation ist, zeigen die Erfahrungen mit Biokraftstoffen. Die steigende Nachfrage nach der „grünen“ Energiequelle hatte in manchen Ländern massive Waldrodungen zur Folge.“ (vgl. https://www.uni-bonn.de/neues/329-2018, 13.04.2019) 

Es wird behauptet, Bio-Plastik Spielzeug ist nicht so belastet wie konventionelles Spielzeug. Dies scheint sich in der Realität nicht zu bewahrheiten: (Zitat) „Bioplastik-Spielzeug ist tatsächlich ein Trend. Lego zum Beispiel will bis zum Jahr 2030 kein Erdöl mehr für seine Klötzchen verwenden, sondern nachwachsende Rohstoffe. Klingt erst einmal gut, wenn auf dem Spielzeug irgendwas von „umweltfreundlich“ steht. Aber selbst wenn die Rohstoffe nachhaltig erzeugt sein sollten: Um Bioplastik widerstandsfähig und flexibel zu machen, sind die gleichen chemischen Zusätze nötig wie bei Plastik aus Erdöl. Und wie gefährlich diese Zusätze sind, das hat noch niemand erforscht.“
(vgl. https://www.sueddeutsche.de/stil/oeko-ratgeber-wann-ist-es-zeit-fuer-einen-neuen-kuehlschrank-1.3625229, 13.04.2019)

Verbundwertstoffe: immer öfter findet man Verpackungen, die aus einer Mischung von Plastik und Papier (Pappe) bestehen. Im günstigsten Fall kann man das Plastik vom Papier trennen, aber oft ist dies nicht möglich. Diese sogenannten Verbundwertstoffe lassen sich dann nur mit sehr aufwendigen und energieaufwendigen Verfahren wieder trennen. Da nicht alle Kommunen die Technik dafür haben, werden diese Verbundstoffe ins Ausland transportiert oder sie werden einfach verbrannt. 

Fazit

Das Bio-Plastik ist vollmundig zu Unrecht als eine umweltfreundliche  Variante von vielen Herstellern präsentiert worden.  Ökobilanzen belegen nämlich, dass biobasierte und abbaubare Bio Kunststoffe in der Gesamtheit keine Umweltvorteile gegenüber herkömmlichen Plastikprodukten aufweisen. Im Gegenteil, schneiden in der Ökobilanz teilweise die recycelbaren herkömmlichen Kunststoffe sogar besser ab, weil sie öfter verwendet werden.  

Aus meiner Sicht kann Bio-Plastik erst dann eine wirkliche umweltfreundliche Alternative zum herkömmlichen Plastik sein, wenn:

–  Bio-Kunststoff umweltfreundlich (zumindest nur so minimal wie möglich), ohne chemische (und damit umweltschädliche) Zusatzstoffe, hergestellt und die Kompostierbarkeit verbessert  wird, so dass sie für die kommunalen Kompostier-Anlagen, aber auch den Komposthaufen im Garten geeignet sind
–  die notwendigen Rohstoffe (wie z.B. Mais, Kartoffeln etc.) für Bio-Kunststoff nicht in Konkurrenz zur Lebensmittelwirtschaft stehen, sondern stattdessen vermehrt  pflanzliche Abfälle und Reststoffe, wie z.B. Holzabfälle, Strohstängel, spezielle Lebensmittelabfälle etc. verwendet werden, die man nicht extra anbauen muss. Die Forschung in neue umweltfreundliche Rohstoffe (wie z.B. Algen) sollte staatlich gefördert werden.
– ein funktionierendes Recycling-System aufgebaut wird (ähnlich wie die gelbe Wertstoff-Tonne für herkömmlichen Kunststoff), damit aus dem Einweg Plastik ein wiederverwertbarer Mehrweg-Rohstoff wird. Begünstigend könnte hierbei der Tatbestand sein, dass seit März 2019 ein neues Verpackungsgesetz in Kraft getreten ist, welches die Kommunen dazu verpflichtet, die Recyclingquote für Kunststoff von bisher 35 % auf 63 % zu erhöhen. Allerdings bezweifle ich bei der derzeitigen noch geringen Menge an Bio-Plastik, dass die Kommunen dies finanzieren können (wollen). 

– die Hersteller von Bio-Plastik, aber auch Hersteller von herkömmlichem Plastik, sollten per Gesetz dazu verpflichtet werden, alle Inhaltsstoffe anzugeben. Auch die Dauer der Kompostierbarkeit sollte angegeben werden.  


Ob herkömmliches Plastik oder Bio-Plastik, die beste Alternative ist immer noch: Verpackungen zu vermeiden! 

Autor: RM, WG Faktencheck, Foto: JK

Quellen:

  • Carmen e.V., www.carmen-ev.de, Netzwerk für Nachwachsende Rohstoffe
  • Nautureplast, www.natureplast.eu, Beratungsunternehmen
  • Studie der Universität Bonn: Escobar, Haded, Börnder, Britz: Land use mediated GHG emissions and spillovers from increased consumption of bioplastic, 2018
  • Handelsblatt: Jost, Bioplastik: Umweltschonend oder Greenwashing?, 2018
  • Süddeutsche Zeitung: Widmann, Wann ist es Zeit für einen neuen Kühlschrank?, 2017

Die Merkmale einer “Reifen Zivilgesellschaft”

Menschen am Strand

Die sanfte Revolution von unten


© von Ralf Manthey

Die Definition und Ursprünge einer reifen Zivilgesellschaft

Bevor ich näher auf die Merkmale einer „reifen Zivilgesellschaft“ eingehen werde, möchte ich zunächst den Begriff „Zivilgesellschaft“ kurz näher definieren. Im Internet-Duden findet man folgende Definition: „die Zivilgesellschaft ist eine Gesellschaftsform, die durch selbstständige, politisch und sozial engagierte Bürger(innen) geprägt ist“. Und in Wikipedia findet man die Aussage: „….allgemein wird unter dem Begriff „Zivilgesellschaft“ meist der Teil der Gesellschaft verstanden, der nicht durch den Staat und seine Organe (Behörden, Verwaltungen) gesteuert und organisiert wird“. Beide Definitionen stellen für mich die wesentlichen Merkmale  einer „reifen Zivilgesellschaft“ dar. 

In den vielen zurückliegenden Jahrhunderten haben die Menschen immer wieder versucht, sich von Unterdrückung und sozialer Ungerechtigkeit  zu befreien und eine humanere, freiere und sozial (und wirtschaftlich) gerechtere Gesellschaft aufzubauen, mit mehr oder weniger mäßigen Erfolg.  Bereits in der Antike im 5. Jahrhundert vor Christi gab es die ersten Ansätze einer freieren und gerechteren Gesellschaftsform in Griechenland: die Demokratie (Volksherrschaft).  Im Christentum gab es von den zunächst noch wenigen Anhängern die Bestrebungen sozial gerechtere und ethisch fundierte (kleine) Gemeinschaften (bzw. Gemeinden) aufzubauen, basierend auf den 10 Geboten und den Kernaussagen der „Bergpredigt“  (s. Neues Testament). Die Französische Revolution (ca. 1789 – 99) mit ihren bekannten Idealen „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ übte den  folgenreichsten Einfluss auf die europäischen Gesellschaften aus.  Neben den sozialen und politischen Veränderungen, wurden auch zunehmend die religiös-kirchlichen Strukturen- und Machtverhältnisse in Frage gestellt und durch Reformen verändert (s. Reformation). Diese Entwicklung mündete letztendlich in den Ende des 19. Jahrhunderts  aufkommenden sozialistischen und kommunistischen Ideologien und Bewegungen. Der Sozialismus und der Kommunismus basiert aber letztendlich von seinen Grundideen auch auf den urchristlichen Idealen. Auch wenn der Kommunismus durch die Gewaltherrschaften von  Stalin und Mao Tse Tung in krasser Form pervertiert wurden, hatten die theoretischen Wegbereiter dieser Revolutionen grundsätzlich gute Absichten. 

Aber es war und ist der falsche Weg, wenn man bestimmte Ideale den Menschen – ohne gleichzeitigen inneren Reifungsprozess und ohne Freiwilligkeit – auf autoritäre Weise von außen überstülpt.  Dies erklärt, warum sich in diesen revolutionären Systemen, wie z.B. dem Kommunismus, die eigentlich zu einer Befreiung führen sollten,  nach einer gewissen Zeit die gleichen Macht- und Unterdrückungsstrukturen und den damit verbunden Abhängigkeiten, wenn auch mit anderen Vorzeichen, wieder installiert  haben. Somit ist es nicht verwunderlich, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts,  trotz aller Befreiungsbewegungen und Fortschritte, nur ein geringer Teil der westlichen Gesellschaften (i.d.R. waren es die Intellektuellen und Künstler)  eine gewisse geistige Reife aufwies, während ein Großteil der Bevölkerung unreif, unselbständig, angepasst, obrigkeitshörig und abhängig blieb. Besonders das  passive und obrigkeitshörige Verhalten vieler Bürger in Deutschland hat  dazu geführt, dass im  20. Jahrhundert  eine Nazi Diktatur überhaupt  an die Macht kommen konnte, mit den bekannten negativen Folgen.

Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegen  Ende der 60er Jahre (siehe “68er Generation”) konnte sich besonders in den westlichen Ländern in größerer  Zahl ein selbstbewusster, unabhängiger und reiferer Menschentypus herausbilden. Die Vertreter dieses Menschentypus  bilden die sogenannte  „Reife Zivilgesellschaft“.  Vertreter der reifen Zivilgesellschaft findet man inzwischen (im Jahre 2018) in allen Gesellschaftsschichten (vermehrt aber in der gebildeten Mittelschicht) und sie haben einen zunehmenden stärkeren Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen.

Der  amerikanische Soziologe „Paul H. Ray“  hat diesen Menschentypus  als die „Kultur-Kreativen“ bezeichnet. Zusammen mit seiner Frau, der Psychologin Ruth Anderson, hat Paul H. Ray Anfang der 90er Jahre  13 Jahre lang (durch Befragung von Bürgern) die Merkmale dieses Typus näher untersucht und die Ergebnisse in seinem Buch „Wie 50 Millionen Menschen die Welt verändern“ veröffentlicht (das Buch gibt es im Internet zurzeit nur in englischer Sprache). 

Wodurch zeichnet sich nun aber eine reife Zivilgesellschaft konkret aus?  

Die Mitglieder einer „Reifen Zivilgesellschaft“:

– geben sich nicht damit zufrieden, nur alle vier Jahre bei einer demokratischen Wahl ihre Stimme abzugeben, sondern sie wollen  aktiv das gesellschaftliche Leben mitgestalten. Da sie aber gern unabhängig bleiben, trifft man sie eher selten in Parteien und konventionellen Organisationen an. Sie sind aber weder weltfremde Außenseiter noch Einzelgänger, sondern sie arbeiten gern flexibel und vernetzt in Gruppen von Gleichgesinnten mit flachen Hierarchien. Sie gründen z.B. unabhängige Interessensgruppen, Bürgerinitiativen, Stadtteilgruppen, Wohn- und Lebensgemeinschaften, freie Kindergärten und Schulen etc.

– zeichnen sich durch ganzheitliche Sicht- und Lebensweisen aus und  bringen neue und unkonventionelle Ideen und Visionen zur Lösung gesellschaftlicher Missstände ein, engagieren sich sozial (z.B. durch Ehrenamt) und tragen damit zur Gestaltung einer humaneren Gesellschaft bei. Sie experimentieren mit gemeinschaftlichen Lebensformen (wie z.B. Wohnformen für  Behinderte und Nicht-Behinderten oder für mehrere Generationen unter einem Dach  etc.), die über das typische  traditionelle Kleinfamilien-Modell hinaus gehen. Sie bevorzugen eine gemeinschaftliche Lebensform, in der die individuellen Bedürfnisse und die Bedürfnisse der Gemeinschaft in Balance gebracht werden, unter Ausschließung von Gruppenzwang, Machtmissbrauch  und bloßer Unterordnung.

– wissen, dass wirklich tiefgreifende und nachhaltige Veränderungen lange Zeit brauchen und nicht über Nacht und ohne eigene Anstrengung entstehen. Außerdem ist ihnen bewusst, dass die heutigen (äußeren) gesellschaftlichen Missstände oft auch ein Spiegel eigener (innerer) Missstände sind, und dass sie nur dauerhaft im Außen etwas verändern können, wenn sie auch die Ursachen für die Missstände in sich selbst klären und lösen. Durch kritisches Hinterfragen und Selbstreflektion setzen sie sich mit ihren eigenen Schatten und Schwächen auseinander und nehmen sie als menschliche Begrenzung an. Sie sind daher auch tolerant gegenüber den Fehlern und Unzulänglichkeiten ihrer Mitmenschen eingestellt.

– sind i.d.R. gut informiert über die globalen politischen, ökologischen und wirtschaftlichen Missstände.
Sie arbeiten gemeinsam mit anderen an der Lösung dieser Missstände. Anstatt aber ihre Kräfte im permanenten Kampf gegen das Negative aufzureiben (natürlich ohne sich für das Leid ihrer Mitmenschen und Umwelt zu verschließen), konzentrieren sie sich lieber auf realistische, konstruktive und positive Lösungsansätze.
– bevorzugen nachhaltig, umweltfreundlich und sozialverträglich produzierte Lebensmittel und Produkte. Auch praktizieren sie auf Grund der immer weniger werdenden Ressourcen einen gemäßigten Konsum, nach dem Motto „Weniger ist mehr“. Sie wollen aber nicht nur passive Konsumenten sein, sondern in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld (Nachbarschaft, Gemeinde, Stadtteil etc.) eine nachhaltige und umweltfreundliche Lebenskultur aktiv mit gestalten. Z.B. legen sie eigene ökologische Gärten zur Selbstversorgung an (Gemeinschaftsgärten), unterstützen durch  Einkaufsgemeinschaften ökologische Bauern vor Ort, gründen Unverpacktläden, Tauschbörsen, Repair-Cafes, Nachbarschaftshilfen und Bürgerinitiativen u.v.m.

– lieben und wertschätzen ihre Heimat und ihre geographische Herkunft auf angemessene Weise (aber ohne nationalistische Anwandlungen), gleichzeitig empfinden sie sich aber auch als ein Teil der globalen Menschheitsfamilie und haben daher ein starkes Interesse, sich übergeordnet an der Lösung globaler Probleme zu beteiligen.

– versuchen eine Brücke zwischen Tradition und Moderne und der älteren und jüngeren Generation zu bauen. Sie betonen dabei mehr das Gemeinsame als das Unterschiedliche und bringen damit angeblich Unvereinbares zu einer Synthese 

– legen großen Wert auf soziale, humanistische und ethische Werte und Ideale, aber ohne sich einer bestimmten Ideologie, Partei oder religiösen Glaubensrichtung bzw. Kirche zugehörig zu fühlen. Diese Werte und Überzeugungen bringen sie ohne viel Aufhebens auf stille und doch sehr konkrete und pragmatische Weise zum Ausdruck. Sie wollen aber nicht ihre  Werte anderen aufdrängen, daher ist ihnen politischer oder religiöser Fanatismus oder Extremismus befremdlich. Sie fühlen sich in erster Linie ihrem Gewissen (Innere Stimme), ihren inneren Werten und ihrer Authentizität verpflichtet als sich äußeren gesellschaftlichen und religiösen Normen und Autoritäten unreflektiert unterzuordnen. D.h., sie lassen sich nicht von außen instrumentalisieren, denn sie sind gewohnt, selbstständig und unabhängig zu denken und zu handeln.

– wollen die geistige und irdische Dimension des Menschen in eine gesunde Balance bringen. Eine Religiösität, die sich durch Scheinheiligkeit, bloße Lippenbekenntnisse und übertriebener weltlicher Absonderung oder Elitedenken äußert, ist ihnen eher suspekt. Aber genauso stehen sie einer ausschließlichen materiellen Weltsicht skeptisch gegenüber. Vielmehr begreifen sie den Geist und die Materie als zwei Aspekte des menschlichen Lebens, die es gilt in eine gesunde und ausgewogene Balance zu bringen. Um beide Aspekte ausgewogen zu leben, ist es aber erforderlich, dass Phasen der inneren Besinnung und der äußeren Aktivität sich ablösen. Diese Lebensform ist aber oft schwer mit den Strukturen der immer noch industriell geprägten Arbeitswelt vereinbar, die auf permanente Gewinnmaximierung und Ausbeutung der menschlichen und natürlichen Ressourcen ausgerichtet ist

– sind dabei, die tradierten und einengenden Rollenmuster von Mann und Frau weiter zu verändern und setzen sich für die Gleichberechtigung und die Kooperation der Geschlechter ein. Eine Folge davon ist, dass die Frauen immer mehr verantwortliche und machtvolle Positionen in der Gesellschaft übernehmen. Sie sprechen aber nicht mehr von einem „Geschlechterkampf” (wie es in den Anfangszeiten des Feminismus der Fall war), denn sie wissen, dass trotz aller Unterschiede – die ja eher gering sind – der Mann und die Frau im Wesenskern gleich sind und für die Lösung der partnerschaftlichen und familiären Probleme zusammenarbeiten müssen.
Immer mehr Männer der neuen Generation verweigern die klassischen männlichen Karrierewege  und suchen sich berufliche Betätigungsfelder und Lebensentwürfe, die ihren wirklichen Talenten und Interessen entsprechen und ihnen ermöglichen, wieder mehr Zeit ihrer Familie und ihrem Privatleben zu widmen. Dabei übernehmen sie auch zunehmend Berufs- und Aufgabenfelder, die sonst eher den Frauen zugeordnet waren.

 
Die Zahl der Mitglieder einer „Reifen Zivilgesellschaft“ und damit ihr gesellschaftlicher Einfluss werden in den nächsten Jahren weltweit sicherlich noch ansteigen. Natürlich konnten sich die Merkmale einer reifen Zivilgesellschaft in demokratischen Ländern besser und ungehinderter entfalten als in autoritär geprägten Ländern. Aber zunehmend wirkt sich ihr Einfluss seit dem 21. Jahrhundert auch in den bisher noch autoritär regierten Ländern aus (siehe „Arabischer Frühling“).  In diesen Ländern wächst eine neue Generation heran, die auf Grund der besseren Informationen (siehe Internet) viel aufgeklärter und selbstbewusster ist und sich immer schwerer unterdrücken und manipulieren lässt.
Ich möchte aber an dieser Stelle betonen, dass in den meisten westlichen und industriell geprägten Demokratien zwar oberflächlich gesehen eine relative  Freiheit,  Mitbestimmung und soziale Gerechtigkeit herrscht, aber bei näherer Betrachtung die sogenannte Mitbestimmung des Volkes durch den zunehmenden Einfluss der Lobbyisten von großen Wirtschaftskonzernen und der Finanzwelt immer mehr eingeschränkt wird, mit den negativen Auswirkungen auf  Umwelt und Mensch. So sind z.B. Lobbyisten immer mehr an den inhaltlichen Formulierungen von Gesetzen beteiligt. Durch angeblich erleichternde Freihandelsabkommen, die aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit verfasst werden, werden immer mehr soziale, ökologische Standards und demokratische und juristische Rechte unterlaufen. Es sieht immer mehr so aus, dass von den Regierungen und den Parteien dieser Staaten, keine gravierenden Veränderungen mehr zu erwarten sind,  zu tief sind die negativen Verstrickungen mit der mächtigen globalen Wirtschaft und Finanzwelt, zu tief sind die regierenden Politiker und Entscheidungsträger – mit wenigen Ausnahmen –  in alten überholten Parametern verhaftet.
Die wirklich dringend notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen werden somit wohl kaum von „oben“ kommen, sondern vielmehr von „unten“, von der gesellschaftlichen Basis aus eingeleitet, zu der die derzeitigen Regierungsvertreter zunehmend den Kontakt verlieren. In dieser Hinsicht wird die wachsende “Reife Zivilgesellschaft” zunehmend eine immer wichtigere und entscheidende Rolle spielen.
 

“Meiner Meinung nach müssen alle Menschen ein stärkeres Bewusstsein für die Notwendigkeit einer weltumspannenden Verantwortung entwickeln, wenn wir die Herausforderungen des neuen Jahrhunderts meistern wollen. Jeder von uns muss lernen, nicht nur für sich, seine Familie oder seinen Staat, sondern das Wohl der gesamten Menschheit zu arbeiten und zu sorgen. Es ist heutzutage überholt, in Begriffen von “Mein Volk” oder “Mein Land” zu denken. Verantwortung für die ganze Welt ist der Schlüssel für das Überleben der Menschen auf diesem Planeten. Große, weitreichende Entwicklungen beginnen meist mit einzelnen kleinen Initiativen, so dass es also die Arbeit eines jeden Einzelnen ist, die letztendlich den Ausschlag gibt.”

(Dalai Lama; Zitat aus dem Buch „Dalai Lama,
Tag für Tag zur Mitte finden“, Seite 189,
Verlag Herder Spektrum)

Autor:  Ralf Manthey, Tel. 04103 – 1888730, Email: ralf-manthey[at]online.de